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Das digitale Bewusstsein – zwischen unbewusst und bewusst

Michael Schützenhofer

Das digitale Bewusstsein – zwischen unbewusst und bewusst

Ob Facebook oder Spotify, Google oder Instagram, Uber oder Kundenkarten von REWE & Co: Alle sammeln Daten über uns, verbinden und interpretieren diese und ziehen daraus Schlüsse, um ihre Gewinne zu maximieren. Aber was haben WIR davon? Die Chance, uns selbst besser kennenzulernen!

Daten wurden schon immer gesammelt. Aber erst die enormen Fortschritte in der Digitalisierung ermöglichen es Firmen, über immer mehr Bereiche unseres Lebens Daten zu sammeln, diese großen Mengen an Daten in Beziehung zu setzen und daraus Schlüsse zu ziehen. Es entstehen digitale Abbilder von uns. Es entstehen mehr oder weniger umfangreiche digitale Zwillinge von uns.

Lange Zeit waren diese digitalen Zwillinge ein gut gehütetes Geheimnis, das Firmen nutzten, um ihren Umsatz zu maximieren. Und auch wenn Firmen heutzutage gesetzlich dazu verpflichtet sind, uns Einsicht in die von ihnen über uns erlangten Daten zu gewähren, müssen sie uns nicht sagen, welche Erkenntnisse sie aus diesen Daten gewonnen haben.

Und doch passiert es immer öfter, dass wir – wenn wir aufmerksam sind – auch Zugriff auf diese Erkenntnisse bekommen. Millionen Spotify-Hörer warten jeden Montag gespannt auf deren „Mix der Woche“. Und plötzlich bekommen wir Feedback, wie wir letzte Woche „so drauf waren“ und hinterfragen unsere Stimmung, fassen Vorsätze für die kommende Woche, hören nicht nur bewusster Musik, sondern bewusster in uns hinein. Aus Biofeedback wird Digitalfeedback.

Nach 300 Likes auf Facebook, kennt uns Facebook angeblich besser, als unser Lebenspartner, nach 600 Likes möglicherweise besser, als wir uns selbst. Der Zugriff auf unser Profil reicht vielen Webseiten, um uns zu sagen, welcher Hundetyp oder welche Märchenfigur wir wären. Uns sagt es hingegen etwas über unsere positiven oder negativen Eigenschaften.

Der Drang der Firmen, immer mehr über uns wissen zu wollen um uns immer mehr verkaufen zu können, führt auch dazu, dass sie uns immer mehr davon preisgeben, was sie über uns zu glauben wissen. Die gesammelten Daten sind nicht mehr nur Bits und Bytes. Zukünftig wird uns eine Armee an digitalen Psychiatern, Psychologen, Coaches und Beratern Feedback geben, und wenn wir genau hinhören, dann rückt unser digitales Bewusstsein aus dem Unbewussten plötzlich in unser Bewusstsein.

Manche Firmen nutzen Nudging – kleine Anreize, die uns in eine Richtung „schupsen“ – um unser Verhalten zu beeinflussen. Bekanntestes Beispiel dafür: Gesundheitstracker, die uns täglich farbenfrohe Ringe, Sterne und Pokale schenken, wenn wir unsere Bewegungsziele erreichen. Dabei müssen wir uns aber diese „Schupser“ ins Bewusstsein rufen, um nicht unbewusst in eine falsche Richtung gelenkt zu werden. Uns einen Weg zu zeigen ist ok. Einen Weg zu gehen muss aber unsere eigene Entscheidung bleiben!

Unsere Daten sind kein Geschenk an die Firmen dieser Welt. 

Deshalb wird es Zeit, dass wir einen entsprechenden Gegenwert für unser digitales Bewusstsein einfordern. Werden wir uns auch dieser Verantwortung bewusst: Holen wir uns dieses digitale Bewusstsein in UNSER Bewusstsein. 

Nutzen wir die Chance, uns besser kennenzulernen. Nutzen wir die Chance, uns weiterzuentwickeln.